Atelier

Yo, das waren wir.




Die Zeiten sind hart. Jeder sucht Arbeit. Kaltakquise ist die Blutgrätsche der Freelancer. Das schickte ein Mitbewerber einem unserer Kunden:

Sehr geehrter Herr xxx, ich war gerade auf der Internetseite von xxx. Da ich bereits viele Auftritte von xxx schon gesehen habe und die Qualität seiner Shows kenne, war ich sehr überrascht, dass die Onlinepräsentation nicht wirklich dem entspricht, was er auf der Bühne herüber bringt. Nun zu meiner Frage: Ist es in näherer Zukunft geplant, die Seite überarbeiten zu lassen? Gern möchte ich auch Ihnen meine Dienstleistungen diesbezüglich anbieten.  Referenzen können Sie auf meiner eigenen Seite einsehen, damit Sie wissen, wie meine Arbeitsweise ist.  Ich würde mich freuen, eine kurze Antwort Ihrerseits zu erhalten. Weiteres können wir dann telefonisch besprechen.

Irgendeine goldene Regel aus irgendinem goldene-Regeln-Buch sagt… ah ja, es ist Mike Monteiro, der in seinem bei A Book Apart erschienenen Buch Design Is a Job sagt:

Über die Jahre hat sich eines als verlässliche Konstante erwiesen: die Art und Weise, auf die ein Kunde sich während des Anbahnungsprozesses verhält ist exakt die Art, wie er sich während des Projekts verhalten wird. Vertrauen Sie  Ihrem Bauchgefühl: wenn sie sie heute im Vorfeld eines Projekts auf einen Rückruf warten lassen, dann werden sie während des Projets genauso langsam reagieren! Mike Monteiro: „Design Is a Job“

Unsere Erfahrung bestätigt, was Monteiro sagt und wir wagen hinzuzufügen: das funktioniert auch umgekehrt. Will sagen: wer schon im Vorfeld potenziellen Mitbewerbern derart kaltschnäuzig in den Rücken fällt, dem ist auch im laufenden Geschäft nicht zu trauen. Jemandem, der sich so bewirbt, ist zuzutrauen, dass er sich, anstatt in schwieriger Situation eine Lösung zu finden, still und heimlich andere Auftraggeber sucht und einen Bestandskunden letztlich kalt abserviert.

Unser mit einem Kaltakquiseversuch konfrontierter lieber Kunde schickte uns die obige dreiste Mail weiter. Kopfschüttelnd. Wir arbeiten seit über zehn Jahren zusammen, sind geschäftlich durch dick und dünn gegangen – und gehen letztlich immer weiter. Das sind selten gewordene Werte in einer zugegeben immer härteren Geschäftswelt.  und alle sehen sich nach mehr solcher Geschäftsbeziehungen die länger halten als eine Powerpointpräsentation und ein mit heißer Nadel gestricktes Projekt weit. Und dabei fällt mir Don Alphonso ein, der folgendes schreibt zum Verständnis von Werten, die es noch gibt, wenn auch seltener:

(…) warum wir immer noch eine Klassengesellschaft haben: Echte Partner mit unseren Ehrbegriffen finden wir nun mal am besten bei uns selbst. Wölfe zu Wölfen, Pudel zu Pudeln. Und das ist auch der Grund, warum man genau so ist: Die eigene Klasse versteht es, wenn man es so macht, und dabei am anderen System scheitert. Das gehört dazu, man kann nicht jeden Kampf gewinnen, und es gibt genug andere Möglichkeiten. Man kann nach unseren Regeln ehrenhaft verlieren, und dann anderweitig weitermachen. Andere Systeme sind gegenüber Versagern weitaus anfälliger, da sind dann genug Mittelenthemmte da, die jede Chance nutzen, um sich selbst nach vorne zu bringen. Eine Klasse hat überhaupt kein Interesse daran, die eigenen Mitglieder beim ehrenhaften Scheitern den Ratten vorzuwerfen, und es muss schon viel passieren, bis man sich auch von weniger sauber agierenden Mitgliedern wirklich trennt. Man will das eigene System aus Rücksichten und Vorteilen nicht gefährden. Das alles spielt in Kreisen, in denen kein Raum für Rücksichten da ist, keine Rolle. (…) Don Alphonso – Rebellen ohne Markt: Klassenkampf mit Oben

Raum für Rücksichten ist so sicher, wie langer Atem in einer hechelnden Gesellschaft. Ein um so schönerer Tag, sich als loyaler Dienstleister über loyale Kunden zu freuen – und nur Idioten verwechseln Loyalität mit Faulheit und Borniertheit.

Weiter mit Musik.



  1. KK

    Mir widerfuhr kürzlich ähnliches. Mein neu aufgestelltes Projekt kam gut an, in der Ergänzungsarbeit sollte ich mich plötzlich mit einer Freundin gleicher Profession „einigen, wer den Job macht“. Freundin und Auftraggeberin waren am Abend zusammen Wein trinken gewesen, eigentlich wollten wir das zu dritt tun, ich sagte ab wegen Krankheit.
    Vielleicht bin ich naiv, mein vorheriges Gewebe war zwar das Showbiz-Haifischbecken, aber es gab private Allianzen und innerhalb dieser Allianzen wurden die Füße stillgehalten. Denn die Synergien durch Vertrauensbildung waren gewinnbringender.
    Wer Manchester-Kapitalismus sagt, handelt sich da oft eine selbsterfüllende Prophezeiung ein. (Oder wie meine Oma sagt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

  2. Sven

    Danke, KK. Oh ja, Vertrauensbildung braucht Zeit, und die kann man sich nehmen, aber das wiederum braucht Geduld. Indes, nur wer die Gewissheit hat, sich auch mal folgenlos auf die Fresse legen zu können, wird so entspannt werden, die Leistung zu bringen die es braucht, um synergetische Gewinne einzufahren (damit sind wir wieder beim Zitat von Don Alphonso aus dem Artikel oben). Das schreibend fällt mir ein, dass es schon 14 Jahre her ist, dass ich persönlich staunte, als ein TV-Format nach drei produzierten Folgen schon wieder abgesetzt wurde, nachdem nur eine Folge auch ausgestrahlt war – und heute regt sich niemand mehr über das Wissen auf, wie viele Formate in unseren Tagen nicht mal das Pilotstadium überleben. Um beim TV als Analogie zu bleiben: Formate wie „Lindenstraße“ oder „GZSZ“ wären nie die (auch wirtschaftlich erfolgreichen) Ikonen geworden, die sie sind, hätten die Produktionen nicht von Rückhalt und Geduld der Sender profitiert, obwohl sie immer auch viel Gegenwind erfuhren; und schließlich wissen wir alle um all die guten TV-Formate, die wegen wirtschaftlicher Kurzatmigkeit die zweite Staffel nicht überlebt haben.

    Nevertheless, Das Showgeschäft ist sicher hart, aber eine Goldfischkugel in der Freelance-Landschaft, denn da gibt es noch etwas, was wir zu Großelternzeiten hatten: man kann mit seiner Firma alt werden – wenn und weil man einander vertraut und groß werden lässt. Und das ist alles andere als naiv.

    In diesem Sinne: Ein Prost auf unsere Omas ;-)

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